Das hat sich sehr gut entwickelt

Berufsorientierung – Gustav-Werner-Schule geht neuen Weg: Schüler absolvieren pro Jahr bis zu fünf Praktika

Denny Beyrle muss in der Schreinerei schon kräftig hinlangen. Der Hauptschüler hilft beim Verleimen der Möbel, geht Werkstattleiter Andreas Renz bei allen Produktionsschritten zur Hand. Das Arbeiten mit Holz gefällt ihm besser als Autos zu lackieren, das weiß Beyrle jetzt schon. Der intensive Einblick ins spätere Berufsleben macht ihm Spaß. Probleme mit dem frühen Aufstehen? »Nein.« Sehnsucht nach der Schule? Die ebenso klare Antwort des Schülers: »Nein.«
Eine Station weiter. Hauptschüler Daniel Wurster hilft Drucker Werner Böttler beim Putzen der Druckmaschine. Eine unangenehme Arbeit, aber auch das gehört zum Handwerk. Am liebsten sitzt der Hauptschüler allerdings an einem von Böttlers Computern. Das grafische Gestalten am Bildschirm reizt ihn besonders. Hier hat er sogar schon seine Konfirmationskarten selbst gestaltet. Mediendesigner als Beruf?
»Das könnte ich mir vorstellen zu lernen«, sagt Wurster. Und auch an ihn die Frage: »Sehnsucht nach der Schule?« Wurster schüttelt mit dem Kopf. Die gleiche Reaktion erzielt man auch bei Daniel Wetzel, der gerade bei der Kaufmann AG Berufserfahrungen im Büro und im Lager sammelt. Für die drei Hauptschüler führt jeden Dienstag der Weg nicht in die Gustav-Werner-Schule, sondern zum Arbeitsplatz. Es ist Praktikumszeit. Normalerweise steht für die Achtklässler, nach dem Lehrplan für die Hauptschulen, ein zweiwöchiges Betriebspraktikum an. Doch die Gustav-Werner-Schule geht einen anderen Weg, wie Rektor Ralf-Michael Röckel erklärt. Die Hauptschüler absolvieren während des ganzen Schuljahres nicht nur ein, sondern vier bis fünf Praktika. So können sie in viele verschiedene Berufszweige hineinschnuppern. Sieben Wochen lang arbeiten die Hauptschüler immer dienstags in einem Betrieb. Danach kommt der nächste Arbeitsplatz dran. Insgesamt durchlaufen die Jungs und Mädchen drei solcher Praktika. Schließlich folgen noch die zwei Wochen am Stück am Schuljahresende. Doch auch dieses Praktikum kann auf zwei Betriebe unterteilt werden.
Damit dies alles funktioniert, hat Röckel inzwischen 70 Ausbildungsbetriebe in Walddorfhäslach und Umgebung mit ins Boot geholt. »Das hat sich sehr gut entwickelt«, sagt auch der Vorsitzende des Gewerbevereins, Volker Stähle. Die Betriebe hätten die Praktika »rundum positiv aufgenommen«. Und beide Seiten profitieren davon. Die Hauptschüler finden leichter eine Lehrstelle und die Unternehmen kennen die meisten Jugendlichen schon, die sich bewerben und wissen so besser, was auf sie zukommt.
»Die intensive Berufsorientierung ist eine ganz wichtige und tolle Sache«, berichtet Röckel. Die Schüler fühlten sich ernst genommen, die stärkten ihr Selbstvertrauen und lernten mit ihren Stärken und Schwächen besser umzugehen.
Und manchmal kommt dabei heraus, dass der Traumberuf doch nicht so großartig ist, wie man ursprünglich dachte. So wollte einer der Schüler gerne mit Metall arbeiten, erzählt Klassenlehrerin Carmen Bachmann. Doch durch das Praktikum lernte der Jugendliche, »dass das doch nichts für ihn ist und dass das Arbeiten mit Holz mehr Spaß macht«. Die Praktika werden im Unterricht begleitet. Die Schüler müssen ein Berichtsheft führen und lernen, Bewerbungen schreiben. Die Gustav-Werner-Schule hat inzwischen eine Vermittlungsquote von nahezu 100 Prozent. In diesem Jahr haben sieben der Hauptschulabgänger schon einen Ausbildungsplatz sicher. Die anderen gehen an eine weiterbildende Schule, wie Madlen Schwaiger. Sie macht ihr Praktikum gerade in Stähles Anwaltskanzlei. Um dort unterzukommen, bräuchte sie mindestens die Mittlere Reife. Die will sie nun nachholen. Und sie will weitere Sprachen lernen, um mehr Perspektiven zu haben, meint sie selbstbewusst. (GEA)