Mein Körper gehört mir

Pädagogik – Hamburger Projekt mit Walddorfhäslacher Schülern zum Thema sexueller Missbrauch

Immer wieder werden Kinder Opfer von sexuellen Übergriffen. Oft trauen sie sich nicht darüber zu reden, weil der Täter aus der Familie stammt. Doch wem können sich Kinder anvertrauen, mit wem können sie reden und wie können sie sich eventuell vor solchen Übergriffen schützen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Hamburger Verein »Dunkelziffer«, der sich jetzt zusammen mit Schülern der Gustav-Werner-Schule in Präventions- und Aufklärungskursen dem heiklen Thema annäherte.

Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, ist die Absicht des Hamburger Vereins »Dunkelziffer«. Auf Initiative von Oliver Kaufmann kamen nun zwei Pädagogen nach Walddorfhäslach und gingen spielerisch mit den Dritt- und Viertklässlern der Gustav-Werner-Schule auf das heikle Thema ein.
Die Idee, einen solchen Kurs auch nach Walddorfhäslach zu bringen, hatte Oliver Kaufmann. Der Firmenchef eines international tätigen Vertriebsunternehmens und seine Mitarbeiter spenden jedes Jahr an Weihnachten eine größere Summe für soziale Projekte im Ort. Kaufmann wandte sich diesmal an die Gustav-Werner-Schule und fragte an, ob Interesse an dem Dunkelziffer-Projekt, auf das er zufällig im Internet gestoßen war, bestünde.
Das Lehrerkollegium setzte sich mehrmals zusammen und fragte sich, »passt so ein Projekt überhaupt für einen kleinen Ort wie Walddorfhäslach«, berichtete jetzt Rektor Ralf-Michael Röckel. Man kam zum Schluss, es passt – die Schule wollte sich für das Präventionsprogramm öffnen. Doch weil es sich um ein sehr sensibles Thema handelte, wurden frühzeitig auch die Eltern der Kinder informiert.
Aus Hamburg kam deshalb die Diplom-Pädagogin Carmen Kerger von »Dunkelziffer« nach Walddorfhäslach. Sie stellte den Eltern und Lehrern das Projekt mit dem Titel »Mein Körper gehört mir«, das für Kinder der Grundschulklassen 3 und 4 gedacht ist, vor.
Die Resonanz war durchweg positiv. Und so reisten vor drei Wochen der Theaterpädagoge Berthold Bartonek und die Psychologie-Studentin Tabea Halfmann nach Walddorfhäslach. Als neutralen Veranstaltungsort wählten Röckel und sein Kollegium das katholische Gemeindezentrum aus. Damit wollten die Pädagogen verhindern, dass das heikle Thema auf irgendeine Weise von den Schülern direkt mit der Schule verknüpft wird.
Bartonek und Halfmann stiegen sehr spielerisch in das Thema ein. »Mein Körper gehört mir« ist in drei Spielszenen unterteilt. Zuerst geht es um die »Ja-Nein-Gefühle«. Hier sollen Kinder erfahren, wie sie sich verhalten können, wenn sie in eine Situation geraten, die ihnen unangenehm ist.
Die zweite Szene geht einen Schritt weiter. Bartonek und Halfmann führen behutsam den Begriff »sexueller Missbrauch« ein und geben Hilfestellung bei der Frage, »was kann ich tun, wenn die Täter Fremde sind«. Meistens werden Kinder aber nicht von Fremden sondern von Mitgliedern der eigenen Familie missbraucht. Und davon handelt der dritte Teil des Projektes. Die beiden Pädagogen spielen eine Szene, in der ein Junge von seinem Onkel belästigt wird.
Das Kind wendet sich an seine Mutter, doch die spricht nicht mit ihm, weil sie überfordert ist. Hilfe erhält der Junge dann erst von einer Lehrerin. Diese Szene soll Hinweise geben, wohin sich ein Kind, außer den Eltern, noch wenden kann. Hier nennt Bartonek auch die bundesweite »Nummer gegen Kummer« (08 00/1 11 03 33) bei der Kinder wochentags kostenlos anrufen und ihre Probleme schildern können.
Zwei dritte und vierte Klassen der Gustav-Werner-Schule machten jetzt bei diesem Präventionsprogramm mit, das fast vollständig von Kaufmann und seinen Mitarbeitern finanziert wurde. »Es war eine gute Sache. Ich hoffe, sie wirkt noch lange nach«, fasste Röckel die Erfahrungen mit dem Projekt zusammen. (GEA)