Man kann, was man will

Lothar Späth als Schulpate

Die Zukunft der deutschen Wirtschaft liegt in erster Linie beim qualifizierten Mittelstand, ist der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Dr. Lothar Späth überzeugt. Schon heute arbeiteten 70 Prozent der Deutschen im mittelständischen Bereich. Von der Großindustrie könne man indes nicht so viel mehr erwarten, »die baut mehr Arbeitsplätze ab wie auf«. Deshalb setzt Späth auf die Dienstleistung, »die brauchen wir hier vor Ort, in diesem Bereich werden in Zukunft die meisten Arbeitsplätze erwartet«.
Um konkurrenzfähig zu sein und Kunden binden zu können, müssten die Dienstleister auf Service und gute Qualität setzen. Dafür sei aber eine gute Ausbildung notwendig. Deshalb fordert der schwäbische Wirtschaftsfachmann, dass man künftig »genügend Geld in alle Arten von Bildung und Forschung« steckt.
Späth war am Montagabend nach Walddorfhäslach als neuer Schulpate gekommen. Die Gustav-Werner-Schule hatte sich in dem Wettbewerb »Stars für die Schule« der Zeitschrift Focus bundesweit als einzige Hauptschule durchgesetzt und in der Kategorie »Wirtschaft« gewonnen.
Jeder Kategorie sind prominente Paten zugeordnet, die die jeweiligen Siegerschulen besuchen und dort mit den Schülern Projekte bearbeiten. Die Gustav-Werner-Schule siegte unter anderem deshalb, weil es ihr seit Jahren gelingt, alle Abgänger in einem Ausbildungsplatz oder einer weiterbildenden Schule unterzubringen. Rektor Ralf-Michael Röckel: »Kein Abschluss ohne Anschluss.«
Späth wird insgesamt dreimal die Gustav-Werner-Schule besuchen. Den Auftakt bildete der Montagabend in der Aula der Schule. Dorthin waren neben den Hauptschülern vor allem auch die Gewerbetreibenden am Ort gekommen, um Späths Schulpaten-Rede zum Thema »Schule braucht Wirtschaft und Wirtschaft braucht Schule« zu hören. Man merkte Späth den gewandten Medienmenschen mit Entertainerqualitäten an.
Er griff sich sofort das Mikrofon, schlenderte umher und plauderte locker und anekdotenreich über seinen Aufstieg zum Wirtschaftsexperten und die Chancen der deutschen Wirtschaft.
Er versuchte den Selfmade-Mann zu verkörpern, der es gemäß seines Wahlspruches »man kann, was man will« vom einfachen Dorfbeamten zum Wirtschafts-Guru gebracht hat und der mit 70 noch Vorsitzender der Geschäftsführung der Investment Bank Merrill Lynch ist. Sein Hauptaugenmerk galt am Montag den qualifizierten Fachleuten, den Praktikern im mittelständischen Handwerk und den technischen Berufen.
Lothar Späth hält die deutsche Wirtschaft für »erstaunlich gut und robust«. Trotzdem werde gejammert, man spreche von einer großen Krise, könne dieses Jahr aber gleichzeitig keine Aufträge mehr annehmen, weil die Auftragsbücher voll seien. Die Globalisierung sieht Späth auch als Chance. Die ganze Welt sei so zu einer Art Binnenmarkt ohne Grenzen geworden. Mit dem Internet könne man inzwischen alles an jedem Ort erledigen.
»In zehn Jahren werden wir den Beruf des Zöllners nicht mehr brauchen«, prophezeit Späth. Außer in Deutschland, denn hier brauche man dann »jemand, der kontrolliert, dass nichts verzollt wird«, merkte er süffisant an.
Am Montag nahm sich Späth viel Zeit für die Schüler. Die Achtklässler zeigten dem Wirtschaftsfachmann ihre Praktikumsmappen, die Späth mit großem Interesse, ganz leger auf der Treppe sitzendend, begutachtete. (GEA)