Späth gibt Hauptschülern Bewerbungstipps

Hauptschüler aus Walddorfhäslach löcherten Lothar Späth.

Pate Lothar Späth war vom Selbstbewusstein der Hauptschüler beeindruckt. „Was ich will, das kann ich!“, steht in großen Buchstaben auf einem Merkzettel neben der Schultafel. Der Satz stammt aus einem motivierenden Vortrag, den Lothar Späth bei seinem letzten Besuch in der Gustav-Werner-Schule im baden-württembergischen Walddorfhäslach gehalten hatte. Die Vorzeige-Hauptschule gewann den ehemaligen Ministerpräsidenten, der heute in der Geschäftsführung einer Investmentbank tätig ist, beim FOCUS-SCHULE-Projekt „Stars für die Schule“ für ein Jahr als Paten. Nun war Lothar Späth zum zweiten Mal angereist, um sich mit den Acht- und Neuntklässlern über ihre Fortschritte bei Berufswahl und Ausbildungsplatzsuche zu unterhalten. Diesmal war der ehemalige Landesvater vor allem als Bewerbungs-Coach gefordert. Denn wann hat man schon mal die Chance, einen erfolgreichen Arbeitgeber nach seinen Auswahlkriterien zu befragen?

„Wie mache ich bei einer Bewerbung auf mich aufmerksam?“, war die zentrale Frage beim Unterrichtsbesuch in der achten Klasse. Späths Rat: Wer in vier bis fünf Zeilen klarmachen könne, warum er der Richtige für den Job und die Firma sei, habe gute Chancen aufzufallen und wahrgenommen zu werden. „Immer überlegen: Was kann ich besser als jemand anders?“, empfahl er. Der Bewerbungstext müsse Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein und zum Beruf passen.
Mit natürlichem Auftreten und Selbstbewusstsein kann man auch im persönlichen Bewerbungsgespräch am besten überzeugen, meint Arbeitgeber Lothar Späth: „Gib dich, wie du bist“ (solange du dich an die Benimmregeln hältst), lautet sein Ratschlag. Die Motivation eines Bewerbers interessiere ihn weit mehr als seine Papiere, beteuerte der erfahrene Geschäftsmann. Dass man auch mit einem mittelprächtigen Hauptschulabschluss Jobchancen hat, bewies das Beispiel der Neuntklässlerin Silan. „Die Noten sind nicht so gut, aber ich habe durch Leistung überzeugt“, erzählte die zukünftige Einzelhandelskauffrau, die sich durch ein erfolgreiches Praktikum einen Ausbildungsplatz sicherte.
Doch in etlichen Fällen reicht der Hauptschulabschluss für den angestrebten Berufswunsch nicht aus. Auf Späths Nachfrage, wer von den Schülern die Mittlere Reife ansteuere, hoben etwa zwei Drittel die Hand. Alle ohne Ausnahme brauchen den mittleren Schulabschluss, um den gewünschten Ausbildungsplatz zu bekommen.
Der Realschulabschluss sei machbar, wenn die Schüler ein konkretes Berufsziel vor Augen hätten, berichten die Lehrkräfte der Gustav-Werner-Schule, die jeden ihrer Schützlinge individuell betreuen und beraten. „Als Notlösung wird’s oft nicht geschafft“, so ihre Beobachtung. „Schlimmstenfalls müssen die Jugendlichen nach einem Jahr raus aus der Schule und haben nicht mehr erreicht als zuvor.“
Bislang müssen die Walddorfhäslacher Hauptschüler ihren Realschulabschluss noch in Reutlingen oder Tübingen machen. Schulleiter Ralf-Michael Röckel würde das gerne ändern und auch an der Gustav-Werner-Schule die Mittlere Reife anbieten. „Gut funktionierende Hauptschulen brauchen eine Perspektive“, forderte der engagierte Rektor beim Pausengespräch im Lehrerzimmer.
Lothar Späth pflichtete bei: Schulen bräuchten mehr Spielraum – zum Beispiel durch Stundenkontingente, die sie selbst auffüllen können. „Da muss mehr Beweglichkeit rein“, wünscht sich der ehemalige Ministerpräsident in düsterer Erinnerung an die starren Verwaltungsstrukturen nicht nur in der Bildungspolitik.