Vorzeige-Hauptschule

Fast alle kommen unter

Während überall ländliche Hauptschulen wegen Schülerrückgang geschlossen werden, pendeln immer mehr Jugendliche aus umliegenden Städten in die Hauptschule des kleinen Ortes Walddorfhäslach. Der Grund: Die Schule bringt fast alle Pennäler nach dem Abschluss unter.
Seit Monaten schwelt die Diskussion um die Abschaffung der Hauptschule, einige Bundesländer sind diesen Schritt sogar schon gegangen. Rektor Ralf-Michael Röckel kann nur hoffen, dass es in Baden-Württemberg eine richtige Schulreform gibt – und „nicht bloße Kosmetik“. Er führt nämlich eine sehr erfolgreiche Hauptschule, die allen Schülern die Möglichkeit geben will, einen mittleren Bildungsabschluss zu erreichen. Getreu dem Motto: Kein Abschluss ohne Abschluss. Röckel und sein Kollegium schaffen es seit Jahren, beinahe alle Schüler der Abgangsklassen der Gustav-Werner-Schule unterzubringen. Entweder in einer dualen Ausbildung oder auf einer weiterführenden Schule. Er kann sogar mit Stolz behaupten, dass seine Schützlinge erfolgreich mit Realschülern auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren – und oft den Zuschlag erhalten. Wie funktioniert das? „Man muss die Chancen für die jungen Menschen optimieren“, erklärt er. Und das geschieht in Walddorfhäslach, das zwischen Stuttgart, Sindelfingen, Reutlingen und Tübingen liegt, durch intensive Berufsvorbereitung.
Gestartet wird spätestens mit Beginn der achten Klasse. Gleich nach dem Ende der Sommerferien müssen die 13- und 14-Jährigen sich Gedanken über die Berufswahl machen.

Was passt zu mir, wo liegen meine Interessen, was mach ich gern? Das ist in diesem Alter ganz schön schwierig. Die Schüler besuchen Informationsveranstaltungen, lernen Bewerbungen und Lebensläufe zu schreiben und schnuppern nur vier Wochen später in den ersten Beruf hinein.

„Mein erstes Praktikum habe ich im Bereich Mechatronik gemacht“, erzählt der 14-jährige Marco Wolf. Er hatte sich dafür entschieden, weil sein Lieblingsfach in der Schule Technik war. „Schon nach dem ersten Tag wusste ich: Das ist der Beruf, den ich erlernen möchte. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.“ In drei weiteren Praxisphasen, die die Schüler absolvieren müssen, zog es ihn immer wieder in diesen Bereich zurück. „Ich arbeite einfach gern mit Metall und Elektronik, das lässt sich in dem Beruf optimal verbinden.“

Dass der junge Mann Talent hat, haben auch die Ausbilder bei Bosch in Reutlingen erkannt. Im Eignungstest verwies Marco so manchen Realschüler auf die hinteren Plätze und überzeugte auch mit guten Noten. Sein Schnitt liegt bei 1,1. „Mit einem Notendurchschnitt von 2,2 bis 2,4 haben Bewerber gute Chancen“, erklärt Röckel.

Natürlich auch auf einer weiterführenden Schule. Dort hätten Marcos Eltern ihren Sohn gern gesehen. Ihn reizte die Ausbildung bei Bosch aber mehr. Die Schule konnte dabei vermitteln: „Wir haben in Baden-Württemberg das Modell 9+3. Das bedeutet, dass man mit Hauptschulabschlussprüfung und Gesellenprüfung bei einem Schnitt von mindestens 2,5 automatisch den Realschulabschluss bekommt. Eine weiterführende Schule muss also gar nicht sein. Für Marco ist es sinnvoller, eine Lehre zu beginnen und beruflich gleich Fuß zu fassen“, erläutert der Rektor. „Wichtig ist, dass unsere Schülerinnen und Schüler in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt werden, das ihnen lebenslange Freude und Aufstiegsmöglichkeiten bietet.

Kontakte zur Wirtschaft
Praktika machen Lust aufs Berufsleben. „Wir haben Vereinbarungen und Kooperationen mit rund 80 Betrieben, die uns Praktikums- und Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen“, so Röckel. Alle Schüler müssen übers Schuljahr vier Tagespraktika (fünf- bis sechsmal dienstags) und ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren. Das ergibt rund 30 Praxistage, an denen die Pennäler Einblick in unterschiedliche Bereiche erhalten und Kontakt zur Wirtschaft für spätere Bewerbungen knüpfen.
Daniel Wurster bekam auf diese Weise Verbindungen zu Daimler in Sindelfingen. „Ich habe schon immer gern herumgebastelt und mit Bausätzen zu Hause Stromkreise gebaut“, berichtet der 15-Jährige. Zuerst schnupperte er deshalb bei einem Elektrobetrieb für Gebäudetechnik rein, was schon in eine gute Richtung führte. Mehr Spaß machte ihm aber das Praktikum in der Automatisierungstechnik von Daimler und er beschloss, sich dort um eine Lehrstelle zu bewerben. 1500 Interessenten wollten einen der 300 Plätze ergattern, Daniel gelang es.

Da weiß man, was man hat
„Es ist enorm wichtig, dass die Schüler den regionalen Wirtschaftsraum kennen lernen und die Betriebe sie. So weiß jeder, was er am anderen hat“, sagt Röckel. Auf diese Weise hat sich die Gustav-Werner-Schule einen guten Ruf in der umliegenden Wirtschaftsszene erarbeitet und zeigt, dass Hauptschüler nicht gleich Hauptschüler sind.