Auf Qualität kommt’s an – Die können alles außer Bildung

Die einzügige Hauptschule in Walddorfhäslach will Werkrealschule werden. Die Reutlinger Industrie- und Handelskammer unterstützt den Vorstoß der Schule

Die Hauptschule in Walddorfhäslach ist erfolgreich. Sie gewinnt Schulpreise und jedes Jahr finden ihre Abgänger eine Lehrstelle oder einen Platz in einer weiterführenden Schule. Keiner der Neuntklässler steht auf der Straße. Nun möchte die Gustav-Werner-Schule zur Werkrealschule werden, um vor Ort auch den mittleren Bildungsabschluss anbieten zu können.
Der Antrag beim Regierungspräsidium in Tübingen ist gestellt. Unterstützung finden die Walddorfhäslacher bei der Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK).
Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht. Die Gustav-Werner-Schule ist nur einzügig, hat keine großen Schülerzahlen und passt deshalb nicht ins Bild der baden-württembergischen Bildungspolitik. Nur die zweizügigen Hauptschulen sollen als Werkrealschule die Möglichkeit haben, ihre Schüler mit einem freiwilligen zehnten Schuljahr zur Mittleren Reife zu führen.

Doch hier hakt Walter Herrmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Reutlingen ein. »Die oberste Priorität muss die Qualität und nicht die Frage der Zweizügigkeit haben«, fordert er. Und die Hauptschule in Walddorfhäslach habe in der Vergangenheit sehr wohl bewiesen, dass sie gut sei und sich die Schüler, gerade weil sie in kleinen Klassen untergebracht seien, gut aufgehoben fühlten. Dies bestätigt auch der Vorsitzende des Elternbeirats der Gustav-Werner-Schule, Thomas Ettenbacher. Sein Sohn erhielt nach der Grundschule eine Hauptschulempfehlung. Ettenbacher wollte den Jungen aber nicht in das große Schulzentrum nach Neckartenzlingen schicken, sondern lieber in die kleine, gut behütete Hauptschule im Nachbarort Walddorf. »Hier habe ich für meinen Sohn eine optimale Ausbildung erhofft und er hat sie auch gefunden.«
Alles spricht für kleine Klassen
Wenn er höre, dass nur zweizügige Hauptschulen zu Werkrealschulen umgestaltet werden könnten, »da sträuben sich bei mir sämtliche Nackenhaare«. Er könne nicht glauben, dass Qualität keine Rolle mehr spielen solle und nur noch die Quantität zähle.
Auf Kultusminister Helmut Rau ist Ettenbacher gar nicht gut zu sprechen. Das bildungspolitische Versprechen, dass es in den kommenden Jahren mehr Lehrer für die Schulen gäbe, hält er für eine Mogelpackung. Zu dem Mehr an Lehrer käme das Land letztlich nur dadurch, dass es (Haupt-)Schulen schließe und die Lehrer anderweitig unterbringe.
Das Argument Qualität steht auch für den Leiter der Gustav-Werner-Schule Ralf-Michael Röckel ganz oben. Und der Rektor spricht sich vehement dafür aus, dass die Schulen an ihren Standorten erhalten bleiben, denn »eine Gemeinde ohne eine Schule kann sich nicht mehr weiterentwickeln«. Der Arbeitsmarkt seiner Schüler liegt im Umkreis von 20 Kilometern. Inzwischen hat Röckel ein gut funktionierendes Netzwerk mit Gewerbetreibenden geschaffen, das garantiert, dass seine Schüler eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Praktikumsplätzen finden und so in ihre zukünftigen Berufe hineinschnuppern können. Dass dieses Netzwerk so gut greife, liege nicht zuletzt auch daran, dass die Schule so klein sei. »Wenn ich 60 Kinder hätte, wäre das nur schwer zu machen, bei 19 geht das aber ganz gut«, meint Röckel.
Der Erfolg gibt ihm Recht. In den vergangenen Jahren fanden alle seine Schüler, die eine Lehre absolvieren wollten, auch eine Lehrstelle, was bedeutet: Hauptschüler in Walddorfhäslach haben eine sehr gute Zukunftsperspektive.
Sein Stellvertreter Norbert Fehrle machte eine Umfrage unter den Abgängern der Gustav-Werner-Schule. Das Ergebnis war eindeutig: Die meisten wären noch ein Jahr länger geblieben, wenn es am Ort eine Werkrealschule und damit die Möglichkeit, die Mittlere Reife machen zu können, gegeben hätte. (GEA)

KOMMENTAR – Zukunft der Hauptschule
Die können alles außer Bildung
Von Heiner Keller

Das neue Schulprofil der Werkrealschule, das die baden-württembergische Landesregierung partout in die bildungspolitische Landschaft setzen will, kann doch nicht nur eine Frage von ein- oder zweizügigen Schulen sein.
Danach sieht es bisher aber aus.
Dabei müsste es doch ausschließlich um die Qualität von Bildung und Erziehung gehen, auf die jedes Kind und jeder Jugendliche im Land ein Recht hat. Es muss für Bildungspolitiker, die nicht in den Verdacht geraten wollen, mit ideologischen Scheuklappen daherzukommen, doch vor allem darum gehen, allen Schülerinnen und Schülern eine Zukunftsperspektive zu geben und alles dafür zu tun, dass niemand auf der Strecke bleibt. Alles andere wäre unverantwortlich.
Und so hat der Walddorfhäslacher Rektor Ralf-Michael Röckel recht, wenn er die Frage aufwirft, ob es sich eine Gesellschaft leisten kann, Jugendliche in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Auf eine Antwort darauf aus Stuttgart darf man gespannt sein.
Doch der Wind weht wohl woanders her. Nicht anders sind die neuesten Überlegungen von Finanzminister Willi Stächele zu interpretieren, dass aufgrund zurückgehender Schülerzahlen frei werdende Lehrerstellen gestrichen werden sollen. Dieses Vorgehen nach dem Motto »kann wegfallen« hat der Qualität der Bildung in Baden-Württemberg schon immer geschadet. Seit Jahrzehnten gilt: Mehr Lehrer braucht das Land. Die CDU schon lange, inzwischen auch die FDP, sind da auf beiden Ohren taub. Getreu dem Motto: Wir können alles außer Bildung.
Also: Warum sollte eine gut funktionierende Hauptschule wie die Gustav-Werner-Schule nicht als einzügige Schule bestehen bleiben – ergänzt durch die Möglichkeit für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die entsprechende Leistungen bringen, dort in einer zehnten Klasse die Mittlere Reife machen zu können.
heiner.keller@gea.de