Wir müssen Standards setzen

Lothar Späth und Lothar Bauer diskutierten in Walddorfhäslach über die Notwendigkeit der Bildung

In einem Punkt waren sich beide einig: »Bildung ist die riesengroße Stärke unseres Landes«, meinte Lothar Bauer, Vorstandsvorsitzender der Reutlinger Bruderhaus-Diakonie. Und Ex-Ministerpräsident Lothar Späth forderte, dass »wir im internationalen Wettbewerb in der Qualifizierung junger Menschen Standards setzen müssen«. Wenn dies nicht funktioniere, »dann haben wir gar nichts mehr«.
Bauer und Späth trafen sich am Samstag auf Einladung der Gustav-Werner-Schule zu einem Meinungsaustausch über Bildung. Beide haben eine enge Bindung zu Ort und Schule. Nach Gustav Werner, dem Gründer der Bruderhaus-Diakonie, ist die Grund- und Hauptschule in Walddorfhäslach benannt. Zudem ist das Reutlinger Sozialunternehmen Bauherr und Träger des neuen Senioren- und Altenpflegeheims in Walddorfhäslach. Und Lothar Späth war ein Jahr lang Schulpate der Gustav-Werner-Schule.

Späth stellte gleich zu Beginn der Diskussion im Schulfoyer klar: »Ich bin nicht als Parteipolitiker hier.« Man komme nicht weiter, wenn man mit fest gefügten Konzepten aufeinander einschlage. Deshalb kann Späth auch verstehen, dass viele in der Bevölkerung der Regierungskoalition derzeit mit Misstrauen begegneten, weil sie zweifelten, ob sie in der Lage sei, Kompromisse zu erarbeiten. Manche wünschten sich inzwischen wieder die Große Koalition zurück.
Späth blickte durchaus optimistisch in die Zukunft. Dazu gehöre aber, dass Deutschland in der Forschung Spitze bleibe, die Bürokratie in Grenzen halte, um so die innovative Leistungsbereitschaft der Bevölkerung erreichen zu können. Auf der anderen Seite müsse man aber den Unfug lassen, die Löhne nach unten zu treiben. Späth: »Wir werden nie ein Niedriglohnland.«
Die wirtschaftliche Zukunft in Deutschland liege vor allem in der Dienstleistung. Man rede immer von den großen Banken und Autokonzernen, aber schon heute zählten die Sozialunternehmen zu den wichtigsten Arbeitgebern im Land. So verfüge die Caritas über 520 000 und die Diakonie über 490 000 Mitarbeiter. Gerade im Pflegebereich werde zukünftig ein großer Bedarf an Arbeitsplätzen herrschen.
Eine andere Bildungspolitik wünscht sich Lothar Bauer. Er berichtete dabei von seinen Erfahrungen in der Bruderhaus-Diakonie, die nicht nur auf dem Gebiet der Altenpflege tätig ist, sondern die sich auch um die Ausbildung von Jugendlichen mit verschiedenen Arten von Behinderungen kümmert.
Bauer lieferte eine Statistik, die nachdenklich macht. 75 Prozent der Jugendlichen mit Sprachbehinderungen, die in die Bruderhaus-Diakonie kämen, seien Jungs mit Migrationshintergrund. Bauer forderte deshalb einen Bildungsbeauftragten für diese Jugendlichen, um ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten gerecht zu werden. Das Potenzial dieser Menschen dürfe nicht dauerhaft verloren gehen, sondern müsse gezielt gefördert werden.
Die Jugendlichen bräuchten Bestätigungserfahrungen und Erfolgserlebnisse. Nur so könne man verhindern, dass sie aus Frust destruktiv oder depressiv reagieren. Lehrherren beklagten, dass viele junge Menschen heute keine Ausbildungsreife mitbrächten, berichtete Bauer. Dies liege daran, so meint er, dass die Jugendlichen zu Hause nur noch wenig handwerkliche Praxis erfahren würden. Dies sei früher anders gewesen. Heute müsste deshalb die Schule für die Praxiserfahrung sorgen, was beispielsweise der Gustav-Werner-Schule in Walddorfhäslach mit ihrer Kooperation mit Gewerbetreibenden sehr gut gelänge. (GEA)