Auf dem Sprung in neuen Lebensabschnitt

Wie Neuntklässler in Walddorfhäslach von Berufspraktika profitieren

Sie sind noch ein wenig erschöpft vom überstandenen Prüfungsstress an diesem Vormittag in der Gustav-Werner-Schule und manche schon hin- und hergerissen zwischen Abschied und Aufbruch: Die 18 Schülerinnen und Schüler befinden sich auf dem Sprung in einen neuen Lebensabschnitt.
Die Aufmerksamkeit ist sofort da, als Rektor Ralf Michael Röckel ein Geheimnis verrät: Fast die Hälfte der Klasse wird bei der Entlassfeier am Montag mit einem Preis für einen Notendurchschnitt über 2,0 ausgezeichnet. Aber auch jene, die ein solches Traum-Zeugnis nicht vorweisen können, müssen sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen. Wieder einmal ist es dem Kollegium um Röckel gelungen, allen Neuntklässlern eine Perspektive aufzuzeigen.
Doch verschweigt Röckel nicht, dass das in diesem Jahr aufgrund der konjunkturellen Lage nicht einfach war. Nicht alle Jugendlichen konnten ihren Berufswunsch umsetzen. Giuseppe Vitale zum Beispiel wollte eigentlich Elektriker werden. Nun hat er eine Ausbildungsstelle als Schreiner bekommen. Damit ist er nicht unzufrieden. Worauf er sich einlässt, hat er beim Praktikum erfahren. Bianca Eboigbe hatte schon eine Zusage, als ihr potentieller Arbeitgeber wegen schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse absagen musste. Mode-Schneiderin ist ihr Ziel, das sie nun auf dem Weg über den hauswirtschaftlichen Zweig der Reutlinger Laura-Schradin-Schule verfolgt. Auch ihre Drillingsschwester Celina hat sich für diese zweijährige Schule entschlossen, allerdings im Bereich Pflege und Gesundheit. Sie will sich später zur Medizinisch-Technischen Assistentin ausbilden lassen. Alissa, die Dritte im Bunde, wollte nicht mehr in eine weiterführende Schule, nachdem sie eine Ausbildung beim ortsansässigen Bäcker bekommen hat – in ihrem Wunschberuf als Bäckerin und Konditorin.
Exakt die Hälfte der Schüler/-innen hat sich dafür entschieden, weiter die Schulbank zu drücken und einen Realschulabschluss anzustreben. Die fünfzehnjährige Elena Gaiser möchte danach Polizistin werden, Dominik Starzmann will im kaufmännischen Bereich einsteigen. Marlon Gorda schwebt nach der Mittleren Reife „irgendetwas im Büro“ vor, und Michael Mohr ist inspiriert von seinem Praktikum in einer Tierarztpraxis. Er wäre nicht der Erste, der ein hoch gestecktes Ziel konsequent umsetzt. Auch Ferko Orosic hat sich weiter für die Schulbank entschieden. Er möchte danach Anlagen-Mechaniker werden. Linda Roth und Patrycia Bogusz haben den Realschulabschluss als Ziel schon lange ins Auge gefasst.
Dass auch für Absolventen der Hauptschule schöne Karrieren möglich sind, beweist Selina Kemmler, die während ihres Praktikums bleibenden Eindruck hinterließ und nun die Chance hat, Zahntechnikerin zu werden – ein Beruf, für den eigentlich der Realschulabschluss vorausgesetzt wird.
Überhaupt erweisen sich die Praktika als Schlüssel zum Erfolg. In der Gustav-Werner-Schule gehört das Hineinschnuppern in den beruflichen Alltag zum Konzept: Die achte Klasse macht jeden Dienstag ein Tagespraktikum in einem Betrieb. Diese enge und starke Kooperation von Gewerbeverein und Schule hat Vorteile für beide Seiten. Die Jugendlichen erhalten die Chance, sich mit ihren Stärken und ihrer Persönlichkeit auch jenseits der schulischen Leistungen präsentieren und, sagt Röckel: „Die Betriebe können sich ihre künftigen Mitarbeiter gezielt aussuchen!“
Profitiert von diesem Arrangement haben auch Mergim Kelmendi, der Stukkateur wird, und Manuel Knecht, der eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Heizung, Klima, Sanitär macht. Moritz Hagemann konnte im Praktikum ebenfalls überzeugen. Auch ohne Mittlere Reife darf er den Beruf des Mechatronikers erlernen. Thomas Rösch war mit seinen 15 Jahren der Erste in der Klasse, der einen Vertrag unterschrieben hatte. Er lässt sich zur Fachkraft für Lagerlogistik ausbilden. Schon im November kam die Zusage. Denselben Weg, allerdings in einem anderen Betrieb, schlägt Francesco Saitta ein. Katharina Retz entschied sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim, eine Voraussetzung für ihren Wunschberuf Altenpflegerin.
Ausnahmslos alle Auszubildenden bekamen ihre Chance in Walddorfhäslach und der näheren Umgebung. „In den letzten drei Jahren gab es von 70 Azubis aus unserer Schule nur einen Abbrecher“, weiß Ralf Röckel. Und auch der hatte gleich einen neuen Vertrag.
Garant für den Erfolg sind ihm auch kleine Klassen, die es ermöglichen, sich um jeden Einzelnen zu kümmern und Integration zu leisten. Von der viel zitierten Chancenlosigkeit Migrations-Jugendlicher ist in der Gustav-Werner-Schule nichts zu spüren. „Sie gehören hier zu den Leistungsstarken“, sagt Röckel und stöhnt dann doch ein wenig: „Erziehung ist das härteste Geschäft der Welt!