Angewandte Mathe im Freien

Neuntklässler der Gustav-Werner Schule vermessen mit Theodolit und Stangen ihre Schule

Der gute alte Pythagoras. Er hätte es sich sicher nicht träumen lassen, dass sich noch Jahrhunderte später Generationen von Schülern mit seinen Sätzen zur Geometrie herumplagen. Mathematik ohne a²+b²=c², das geht gar nicht. Aber es gibt auch Schüler, die sich freiwillig in ihrer Freizeit mit Begriffen wie Hypotenusenquadrat oder Cosinus beschäftigen, wie jetzt die Neuntklässler der Gustav-Werner-Schule. Und das hat einen ganz praktischen Sinn.

Der pensionierte Vermessungstechniker Siegfried Huss las in einem GEA-Interview, dass sich der Rektor der Gustav-Werner-Schule in Walddorfhäslach, Ralf-Michael Röckel darüber beklagte, dass er in seiner Hauptschule zwar mathematisch begabte Schüler habe, mit ihnen im Unterricht aber beispielsweise gar keine Winkelfunktionen behandeln könne, weil dies nicht im Bildungsplan stehe. “Wir hatten keine Möglichkeit, höhere Mathematik anzuwenden”, erzählt Röckel jetzt im Nachklapp zu dem GEA-Interview, in dem es damals um die neuen Starter-Gemeinschaftsschulen im Land ging, zu denen auch die Gustav-Werner-Schule gehörte.
Mit der höheren Mathematik, mit diesen Winkelfunktionen zum Beispiel und eben den Pythagoras-Sätzen kann man ganz praktische Dinge ausführen, wie die Höhe eines Turmes oder die Entfernungen zwischen zwei Punkten bestimmen. Und wer kennt sich da, außer natürlich Mathematiklehrern, besser aus als ein Vermessungsfachmann. Huss hatte eine Idee und präsentierte sie Rektor Röckel. Und der war von dieser Idee einer angewandten Mathematik gleich begeistert. Huss legte mit seinem ehemaligen Kollegen Dietmar Binder um die Schule herum mehrere Vermessungspunkte fest. Er zeichnete Schaubilder und ging dann mit den Schülern, mit Vermessungsstangen und einem Sekunden-Theodolit ins Freie, um die Winkelfunktionen in der Praxis anzuwenden.
Rund die Hälfte der Neuntklässler erklärte sich bereit, sich an dieser freiwilligen Arbeitsgemeinschaft (AG) zu beteiligen. Huss hatte zuvor alles fachmännisch vermessen. Jetzt ließ er die Schüler selbst an den Theodolit, ließ sie Strecken vermessen und Vermessungsstangen aufstellen. Und am Ende konnten die Schüler an Huss’ Zahlen überprüfen, ob sie mit ihren Vermessungen richtig lagen. Man merkte den Jungs deutlich an, dass sie sich für diese Art der angewandten Mathematik sehr interessierten.
Was die Neuntklässler seiner Hauptschule jetzt machten, sei auch ein Probedurchgang für später, erklärt Rektor Röckel. Er will die angewandte Mathematik, sprich die Vermessung vor Ort, nun ab Klasse 7 in seiner Gemeinschaftsschule als AG fest etablieren. (GEA)