Geschichte hautnah – Eine Zeitzeugin berichtet über die ehemalige DDR

Eine ganz andere Art von Geschichtsunterricht erlebten die Schüler der Klassen 7, 8 und 9 am 28.03.2014.

Konstanze Helber berichtete über ihr Leben in der ehemaligen DDR, ihren missglückten Fluchtversuch und die darauf folgenden Jahre im Frauenzuchthaus Hoheneck.

Für die Schüler waren es ganz besondere Geschichtsstunden. Heute war nicht Lernen aus Quellen und Büchern angesagt, sondern Geschichte wurde lebendig und bekam ein Gesicht. WZG-Lehrerin Sonja Haile hatte eine Zeitzeugin in die Gustav-Werner-Schule eingeladen. Konstanze Helber erzählte den Schülern, was sie in der ehemaligen DDR erlebt und durchgemacht hat. Schon in der Schule war Helber systemkritisch, da sie bemerkte, dass ihr als Bürgerin der DDR ein selbstbestimmtes Leben nicht möglich war. So scheute sie sich nicht kritisch zu hinterfragen und wurde für das System früh auffällig. Als Konsequenz daraus beschränkte man ihre Reisefreiheit und sie durfte kein Abitur machen. Eigentlich hätte sie in der Produktion arbeiten sollen, doch da sie eigentlich gern Medizin studiert hätte – was ihr aber ohne Abitur nicht möglich war -, wollte sie lieber einen Beruf im medizinischen Bereich erlernen. Sie durfte dann doch eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester machen.
Als Konstanze Helber 22 Jahre alt war, versuchte sie aus der DDR zu flüchten. Sie fühlte sich nach wie vor in ihrer persönlichen Entfaltung eingeschränkt und hatte sich zudem in einen Mann aus dem Westen verliebt. Allein diese Tatsache führte dazu, dass der Staat sie immer weiter einschränkte, indem beispielsweise ihre Reisefreiheit noch weiter eingeschränkt wurde. Nach zwei gescheiterten Ausreiseanträgen kamen erste Gedanken an Flucht, da sie sich sicher war, auf normalem Wege die DDR niemals verlassen zu dürfen. Zusammen mit ihrem Freund entstand dann der Plan zu flüchten. Mithilfe einer Fluchtorganisation aus dem Westen, sollte sie die DDR verlassen. Der Plan war jedoch zum Scheitern verurteilt, da sich innerhalb der Fluchtorganisation ein Spitzel der Stasi befand.
Konstanze und ihr Freund ahnten davon nichts. Im Januar 1977 sollte sie in einem eigens für diese Zwecke umgebauten Auto (der Rücksitz war so präpariert, dass man innerhalb von Sekunden in den Kofferraum rutschen konnte) auf einer Transitautobahn von Ost nach West gebracht werden. Über die bevorstehende Flucht informiert, kontrollierte die Polizei den Fahrer und so wurde Helber letztendlich entdeckt. Der Fahrer und Konstanze Helber wurden dann umgehend verhaftet und sie kam für sechs Monate in Untersuchungshaft. Nach sechs Monaten wurde sie in einer nicht-öffentlichen Verhandlung völlig willkürlich zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt und kam ins berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck. Dort saß sie gemeinsam mit Kriminellen, Mörderinnen und anderen politischen Gefangenen ihre Strafe ab. Eindrücklich schilderte Frau Helber ihre schlimmen Erlebnisse und die katastrophalen Bedingungen in dem Zuchthaus, in dem 1200 Frauen von 18-80 Jahren eingesperrt waren. Die Schüler waren sehr betroffen als Konstanze Helber ihren Alltag in Hoheneck schilderte. Mit 24 anderen Gefangenen auf engstem Raum zusammengepfercht, gab es keinerlei Privatsphäre. Die Tage bestanden nur aus Essen, Arbeiten im Schichtdienst und Schlafen. Besonders schlimm waren die psychische Belastung und die Schikanen durch die Wärterinnen. In Arbeitskommandos mussten die Häftlinge Bettwäsche nähen oder Feinstrumpfhosen herstellen. Dabei mussten sie sehr hohe Vorgaben erfüllen und die Arbeit war zudem gesundheitlich belastend, da das Material oft mit giftigen chemischen Mitteln behandelt war. Es gab zudem keinerlei ärztliche Versorgung. Helber zeigte den Schülern einen kurzen Film über das Zuchthaus Hoheneck. Allein die Bilder lösten ein beklemmendes Gefühl aus und man konnte erahnen, was eine Inhaftierung dort für die Frauen bedeutete.
Nachdem sie zwei Jahre und drei Monate in Hoheneck gesessen hatte wurde Konstanze Helber von der Bundesrepublik freigekauft und konnte sofort dorthin ausreisen.
Man konnte während des gesamten Vortrags beobachten wie wertvoll es für Schüler ist, von Zeitzeugen über Geschichte berichtet zu bekommen und sie befragen zu können. Für sie wird Geschichte so fassbarer und begreifbarer. Die Schüler waren sehr interessiert aber auch betroffen und stellten viele Fragen zur Flucht, zu den Lebensumständen, zum Zuchthaus und auch zur Person selbst und deren Familie. Sie waren offensichtlich berührt von den Schilderungen und Berichten der Zeitzeugin, der heute noch die Tränen kommen, wenn sie aus dem Brief vorliest, den ihre Mutter ihr ins Gefängnis geschickt hat. Die Siebt-, Acht-, und Neuntklässler haben in dieser besonderen Geschichtsstunde sicherlich besonders viel gelernt und mit nach Hause genommen.