Lehrer wollen mehr Anerkennung

Finanzminister Nils Schmid besucht die Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach

Er kam weder als stellvertretender Ministerpräsident (es stand kein großes Jubiläum an), noch als Finanzminister (zwar wurde auch über Geld gesprochen, aber für Schulen ist nun mal »mein Kollege Andi Stoch« zuständig«), sondern als ganz normaler Landtagsabgeordneter.
Dass Nils Schmid Finanzminister ist, schwang trotzdem immer wieder mit, als der Mann aus Reutlingen/Stuttgart gestern in die Gemeinschaftsschule kam – schließlich ging’s auch ums Thema Geld. Geld für Menschen, die Bildung vermitteln.
Wenn Schulleiter Ralf-Michael Röckel sagt, dass die Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule »die beste im Landkreis Reutlingen« ist, sagt er das nicht weniger inbrünstig als Landrat Thomas Reumann, der nicht ganz selten sagt, dass »sein« Landkreis der schönste überhaupt ist. »So viele Selbstbewusstsein haben wir schon«, sagt Röckel.

»Ich habe bewusst gewartet, bis die Walddorfhäslacher Gemeinschaftsschule so richtig ins Laufen gekommen ist«, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete. Kritische Fragen aus der Lehrerschaft hatte Schulleiter Ralf-Michael Röckel seinem Duz-(Partei-)Freund Nils Schmid angekündigt. Die Stoßrichtung war von Anfang an klar: »Die Arbeitsbelastung an Gemeinschaftsschule ist generell sehr hoch«, betont der Pädagoge, »nicht nur hier bei uns.« Die Lehrer betreten Neuland und müssen viel neu erarbeiten – es gibt nichts oder nur wenig, auf das sie zurückgreifen können. Wer viel und gut arbeitet, will dafür auch was sehen, findet Röckel: »Es geht um die Entlastung in Form von Deputaten, und es geht um einen finanziellen Ausgleich. Das ist die Landesregierung schon gefragt.« Und damit auch der Finanzminister.
Die Landesregierung hat schon reagiert, betont Nils Schmid: Die Arbeitszeit von Gymnasiallehrern wird der ihrer Kollegen im künftigen Schuljahr angeglichen – sie müssen mehr arbeiten. Mehr verdienen werden sie aber auch künftig – auch wenn sie in Gemeinschaftsschulen neben klassischen Grund- und Hauptschullehrern unterrichten. »Das liegt an den Abschlüssen«, sagt Schmid, »die sind nun mal unterschiedlich.«
Eine Angleichung wird es immerhin zwischen Grund- und Hauptschullehrern auf der einen und Realschullehrern auf der anderen Seite geben: Wenn sie jetzt einheitlich ausgebildet werden, erhalten sie auch gleich viel Geld. »Das ist nicht mehr als recht und billig, wenn sie auch die gleiche Arbeit machen«, sagt Röckel. Die Lehrer, die jetzt unterrichten, haben davon aber nichts mehr: »Es ist frustrierend, wenn andere mehr Geld kriegen für die gleiche Arbeit«, sagt eine Kollegin. Zum Thema Deputate: »Es bringt uns nichts, wenn man es an den Gymnasien erhöht, wir würden von einer Deputatskürzung profitieren.«
»Bei den Lehrern geht’s nur nach oben, nie nach unten – und das ist auch gut so«, sagt der Finanzminister, »wir lassen uns das eine Stange Geld kosten.« Es geht gar nicht unbedingt nur ums Geld, betont eine Lehrerin und spricht dabei den Wunsch vieler Kollegen nach einer Deputatsentlastung – weniger Pflichtstunden also – an: »Eher nicht«, macht Nils Schmid wenig Hoffnung, spricht aber »bessere Aufstiegswege, die eröffnet werden« und mehr Fortbildungen an.
Ein Grundproblem in Gemeinschaftsschulen: »Ich muss den großen Spagat schaffen, gleichzeitig ein Inklusionskind und ein Kind im Expertenstandard zu fördern.« Für eine klassisch ausgebildete GHS-Lehrerin als Einzelkämpferin eine maximale Herausforderung. »Wir sind für diese Situation nicht ausgebildet«, sagt eine Lehrerin, »wir sind GHS-Lehrer – keine Sonderpädagogen.« Sie hat nur eine Zweitkraft, die sie unterstützt, aber keine Sonderpädagogin.
200 Deputate reichen noch nicht
Nils Schmid weiß um dieses Problem: »Fürs nächste Schuljahr stellen wir 200 zusätzliche Deputate zur Verfügung.« Gleichzeitig bittet er um Verständnis, »dass wir nicht für jedes Inklusionskind eine Zweitkraft haben«. Klar sei aber, »dass weitere sonderpädagogisch geschulte Kräfte folgen müssen«.
»Unser Grundproblem ist, dass das baden-württembergische Schulsystem einen riesigen aufgestauten Reformbedarf hat«, sagt Nils Schmid, »wäre man vor zwanzig Jahren in die Gemeinschaftsschule eingestiegen, hätte man es jetzt durch und könnte sich dem Inklusionsthema widmen – jetzt läuft alles parallel.« Zehn bis fünfzehn Jahre, so schätzt Schmid, wird es dauern, bis das Thema Inklusion an Schulen solide geregelt ist. (GEA)

GUSTAV-WERNER-SCHULE
Die Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule gehörte zu den 34 baden-württembergischen Starterschulen im Land. 26 Lehrkräfte unterrichten hier 300 Schülerinnen und Schüler. Die Klassen 6 und 7 laufen im kommenden Schuljahr zweizügig, die Klasse 5 sogar dreizügig. An der Schule unterrichten neben klassischen Grund- und Hauptschullehrern jetzt auch zwei Gymnasial- und ein Realschul-Lehrer. (GEA)