Lernen in familiärer Atmosphäre

Die Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach zieht Schüler aus der ganzen Umgebung an

Es ist so vieles anders in der Gemeinschaftsschule. Keine Zeugnisse mit Noten mehr, sondern mit detaillierten Beurteilungen. Keine gemeinsamen Klassenarbeiten mehr, sondern einzelne Test für jeden Schüler. Individuelle Arbeitsplätze für individuelles Lernen. Frontalunterricht ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach gehörte im Schuljahr 2012/2013 zu den Starterschulen in Baden-Württemberg. Jetzt ist sie im dritten Schuljahr. Wie hat sie sich entwickelt?
Die rechteckige Informations-Insel steht im Klassenzimmer in der Mitte. Drumherum gruppieren sich die einzelnen Arbeitsplätze der Schüler.
Die Antwort und das Ergebnis eines vormittäglichen Schulbesuchs gleich vorweg: Sie schlägt sich ausgezeichnet. Allein nach den Zahlen ist die Walddorfhäslacher Schule bereits ein Erfolgsmodell. Sie ist längst an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Mehr als zweizügig, sprich 56 Schüler pro Jahrgang, geht nicht. »Wir mussten leider bereits etliche Absagen erteilen«, sagt Rektor Ralf Michael Röckel.
Aber auch für diese gedeckelten Schülerzahlen reicht der Platz in der Gustav-Werner-Schule nicht mehr aus. Ab September wird deshalb auf dem Schulgelände ein Erweiterungsbau mit sechs neuen Klassenräumen errichtet.
Röckel wie auch sein Stellvertreter Norbert Fehrle sind gar nicht so unglücklich darüber, dass die Schülerzahl in der Walddorfhäslacher Gemeinschaftsschule nun auch vonseiten des Schulamts begrenzt wurde. Röckel: »Damit bleibt alles überschaubarer, familiärer, man kennt alle Schüler und Eltern. Wenn man als Schule zu schnell groß wird, verliert man die persönliche Nähe.«

»Wenn man zu schnell groß wird, verliert man die persönliche Nähe«

Was beim Gang durchs Schulhaus auffällt, ist die Ruhe. Obwohl eine Reihe von Schülern an individuellen Arbeitsplätzen auf dem Korridor sitzt, gibt es dort keinen Lärm. Alle Türen der Klassenzimmer stehen offen. Auch darin hört man nur wenig. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten meist konzentriert für sich, angeleitet und betreut von den Lehrerinnen und Lehrern.
Wie sieht das Schuljahr nun aus? Bereits ab September führt das Schulleitungsteam Informationsgespräche mit den Eltern, die ihre Kinder in die 5. Klasse der Walddorfhäslacher Gemeinschaftsschule schicken wollen. Die richtige Anmeldefrist beginnt dann aber erst im folgenden März.
Sind die Kinder in die 5. Klasse aufgenommen, folgt in der zweiten Woche des Schuljahres eine sogenannte »Online-Diagnose«. »Die Schüler kommen von über zehn verschiedenen Grundschulen zu uns. Sie haben ganz unterschiedliche Grundkenntnisse«, erklärt Fehrle.
Bei der »Online-Diagnose« müssen die Schüler am Computer verschiedene Aufgaben in Mathematik und Deutsch erledigen. Die Ergebnisse werden danach in Kooperation mit verschiedenen Schulbuchverlagen ausgewertet.
»Wir stellen so sehr schnell fest, wo bei jedem Einzelnen noch Lücken sind und wo wir gezielt fördern müssen.« Die Schüler erhalten dann von den Verlagen speziell auf sie zugeschnittene Lernhefte, mit denen sie ihre Schwächen im ersten Halbjahr aufarbeiten können. In jeder Klassenstufe gibt es drei unterschiedliche Lernniveaus. Da ist einmal das Grundlagenniveau, das dem Hauptschulstandard entspricht. Dann gibt es das mittlere Niveau, das auf dem Profil der Realschule fußt und als anspruchsvollste Kategorie das erweiterte Niveau, das den Anforderungen an einen Gymnasiasten gleichkommt. »Wir haben schon früh Gymnasiallehrer zu uns geholt, damit wir auch die Anforderung für den gymnasialen Bereich abdecken können«, betont Rektor Röckel.
Die Schüler können sich in der Unterrichtszeit an den drei Lernniveaus versuchen. Dafür erhalten sie von den Lehrern einzelne Aufgaben, die sie bewältigen müssen. Haben sie den größten Teil der Lösungen erarbeitet, erhalten sie einen grünen Punkt in ihr »Lerntagebuch«; liegen sie in der Mitte gibt es einen gelben Punkt, schaffen sie es nicht, klebt dort ein roter Punkt.
Hat ein Schüler alle Aufgaben im Grundlagen- oder im mittleren Niveau gelöst, kann er sich an Aufgaben der nächsthöheren Ebene versuchen. Genauso geht es umgekehrt.
Schafft ein Schüler zum Beispiel die Aufgaben auf einer Leistungsebene nicht, kann er sich die auf der darunter liegenden vornehmen. Röckel und Fehrle sind davon überzeugt, dass dadurch auch die Motivation der Schüler verbessert wird. Im herkömmlichen System gibt es eine Klassenarbeit für alle. »Wenn man dabei jedes Mal eine Fünf schreibt, ist man schnell frustriert und gibt vielleicht auf«, meint Fehrle.
An der Gemeinschaftsschule habe man aber die Möglichkeit, durch die unterschiedlichen Niveaustufen wieder Erfolgserlebnisse zu erzielen, der Spaß am Fach komme zurück, die Leistungen würden wieder besser.
Die Schüler haben durch die Lerntagebücher zu jedem Zeitpunkt des Schuljahres einen genauen Überblick, wo sie gerade stehen, wo sie gut sind oder wo es noch Lücken gibt. »Jeder Schüler hat auch das Recht, alle zwei Wochen mit einem Lehrer ein Lernbegleitungsgespräch zu führen«, erläutert Fehrle. In diesen Gesprächen werde dann das weitere Vorgehen besprochen.

»Jeder Schüler hat alle zwei Wochen das Recht auf ein Lernbegleitungsgespräch«

Auch die Eltern können einmal im halben Jahr mit einem Lehrer ein Gespräch führen, der ihnen dann anhand der Lerntagebücher und detaillierten Beurteilungen neben den Stärken auch genau die Schwächen ihres Sohnes oder ihrer Tochter zeigen kann und wo vielleicht noch nachgearbeitet werden sollte.
Fehrle hält die detaillierten Beurteilungen für wesentlich besser als ein Zeugnis mit Noten. »Was sagt denn zum Beispiel eine Drei in Mathematik aus. Da sieht man doch überhaupt nicht, wo die Stärken und Schwächen in einem Fach liegen. Das ist bei einer detaillierten Beurteilung ganz anders.«
Im Gespräch mit den Schülern merkt man deutlich, dass sie das neue System schon ganz verinnerlicht haben. Sie erklären ohne Umschweife, wie ihre Unterrichtszeit abläuft, wie die Lerntagebücher zu interpretieren sind, und das alles ohne Einflüstern ihrer Lehrer. Die Gemeinschaftsschule ist längst bei den Kindern angekommen. (GEA)