Die Kinder werden nicht einsortiert

Einschulungsfeier der Klasse 5

»Auch die graueste, kleine Maus findet hier einen Platz.« Das Motto, das eigentlich für das ganzjährige Zirkusprojekt der Fünfer und Sechser an der Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule steht, möchte Rektor Ralf Michael Röckel auch für die Gemeinschaftsschule im Allgemeinen gelten lassen. Herzlich wie humorvoll war der Empfang der 51 neuen Fünftklässler bei der Einschulung am Dienstagvormittag in Walddorfhäslach, an der auch Kerstin Hösch, Regierungsschuldirektorin und Referatsleiterin Gemeinschaftsschulen beim Ministerium für Kultur, Jugend und Sport in Stuttgart, teilnahm. »Wir sind im vierten Jahr, die Begeisterung der Eltern ist hier groß«, betonte der Schulleiter. Erstmals startet die Schule ins neue Schuljahr mit zwei Profilfächern. Gleich wie am Gymnasium. »Eltern und Schüler konnten vor den Ferien zwischen Naturwissenschaft und Technik (NWT) und Sport wählen«, erklärte Röckel. Bei ihrem Besuch in Walddorfhäslach sprach der GEA mit Kerstin Hösch, die Pädagogin und gelernte Realschullehrerin ist.

1 Frau Hösch, welche sind für Sie die wichtigsten pädagogischen Vorteile der Schulart Gemeinschaftsschule gegenüber den bisherigen Schularten Realschule, Werkrealschule und Hauptschule?

Kerstin Hösch: Vorneweg bemerkt: Die Gemeinschaftsschule ist keine Nachfolge der Werkrealschule. Die wesentlichsten Vorteile sehe ich darin, dass sich ein Kind nicht schon mit neun oder zehn Jahren entscheiden muss, welche Schulart es später wählen wird. Das Kind lernt in der Gemeinschaftsschule Selbstverantwortung für eigene Lernprozesse zu übernehmen, die Eigenverantwortung wird insgesamt gestärkt. Überdies ist gemeinschaftliches Lernen einfach wunderbar, jeder in und mit seiner Unterschiedlichkeit. Die Kinder werden nicht einsortiert. Jeder Mensch hat schließlich Stärken und Schwächen und unterschiedliche Begabungen. Die Gemeinschaftsschule spiegelt ganz einfach die Gesellschaft wider.

2 Wie bewerten Sie die Kritik in der Frankfurter Allgemeinen vom 17. August, wonach es sich bei der Gemeinschaftsschule um ein »schwäbisches Himmelfahrtskommando« handelt?

Hösch: Das Kultusministerium hat explizit dazu zwei Stellungnahmen abgegeben, die auf der Homepage unter www.km-bw.de für jeden nachzulesen sind. (Anmerkung der Redaktion: »Hier wird bewusst wahrheitswidrig skandalisiert« –, liest man unter anderem in der Stellungnahme des Ministeriums.) »Ich kann nur sagen, dass es schade ist für diese Schulart, denn das hat sie nicht verdient«, unterstreicht Hösch. »Wissenschaftlich ist es schon gar nicht zulässig, Schlüsse aus zwei Klassen zu ziehen. Es gibt rund 1 600 Klassen in ganz Baden-Württemberg.«

3 Teilen Sie die Sorge, dass das Thema Gemeinschaftsschule im kommenden Landtagswahlkampf ideologisch missbraucht wird?

Hösch: Bildungspolitik ist immer ein Thema. Ich wünsche mir, dass die Schulart Gemeinschaftsschule wieder pädagogisch und fachlich diskutiert wird. (pk)