»Das Kapital: Bildung für die Jugend«

Interview  –
An der Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach stehen die ersten Abschlussprüfungen an

DAS GESPRÄCH FÜHRTE VEIT MÜLLER
WALDDORFHÄSLACH.

Im Jahr 2012 gehörte die Gustav-Werner-Schule zu den ersten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. In den nachfolgenden Jahren stand die neue Schulart oft im Fokus des öffentlichen Interesses. Befürworter wie Skeptiker diskutierten heftig miteinander.

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Foto: Müller

Jetzt richten beide Seiten wieder ihren geschärften Blick auf die Gemeinschaftsschule, denn dort stehen die ersten Abschlussprüfungen an. Wie machen sich nun die Gemeinschaftsschüler in Walddorfhäslach und wie sieht die Zukunft der Schule aus?

GEA: Herr Röckel, die Gustav-Werner-Schule gehört zu den ersten Gemeinschaftsschulen im Land. In diesem Schuljahr werden an Ihrer Schule nun die ersten Abschlussprüfungen (Hauptschulabschluss) abgehalten. Spüren Sie den Druck, fühlen Sie sich von Bildungspolitikern, Befürwortern wie Kritikern besonders beobachtet?

Ralf-Michael Röckel: Wir sind sehr stolz, dass wir zu den Starterschulen in Baden-Württemberg gehören und sind uns unserer Vorreiterrolle auch sehr bewusst. Es ist für mich und mein Team natürlich klar, dass wir liefern müssen. Wenn eine neue Schulart installiert wird, wollen natürlich auch alle, Befürworter wie Skeptiker, sehen und wissen, welche Vorteile die neue Schulart gebracht hat. Wir hier in Walddorfhäslach sind völlig entspannt, weil wir wissen, was wir können.

Wie sind Sie mit den Prüfungen zufrieden? Können Sie sagen, wie die Zukunft der ersten Abgänger aussehen wird?

Röckel: In diesem Schuljahr haben an der Gustav-Werner-Schule die ersten Gemeinschaftsschüler die Hauptschulabschlussprüfung absolviert. Mit dem ersten Prüfungsdurchgang sind wir bisher sehr zufrieden. Alle 19 Schüler haben jetzt die schriftlichen Prüfungen absolviert. Es fehlen noch die mündlichen Prüfungen und die Projektprüfungen. Die Leistungen können sich sehen lassen. Was mir aber sehr viel wichtiger ist: Alle unsere Schülerinnen und Schüler haben wieder eine Perspektive beziehungsweise einen Anschluss nach der Schule. 13 Schüler erhielten bereits eine feste Zusage für eine Ausbildung und die anderen sechs wollen über die zweijährige Berufsfachschule noch den mittleren Bildungsabschluss anstreben. Ich denke, diese Zahlen können sich sehen lassen – und daran kann sich auch die Qualität der Gemeinschaftsschule Walddorfhäslach messen lassen.

Nächstes Schuljahr werden Sie und Ihr Kollegium noch mehr gefordert.

Röckel: Ja, nächstes Jahr wird es nochmals spannender, da gibt es einen doppelten Prüfungsdurchgang mit Hauptschulabschluss und Mittlerer Reife. Auch das bereitet uns kein Kopfzerbrechen, wir sind noch völlig entspannt und freuen uns darauf. Wir haben für diesen Fall bereits Kooperationsvereinbarungen mit dem HAP Grieshaber-Gymnasium im Reutlinger Bildungszentrum Nord und den beruflichen Gymnasien in Reutlingen abgeschlossen. Sie sehen, auch hier haben wir unsere Hausaufgaben gemacht.

Wie geht es mit der Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach weiter. Sind Sie gut aufgestellt? Was muss sich eventuell noch ändern?

Röckel: Wir sind mittlerweile in Walddorfhäslach sehr gut aufgestellt. Wir haben einen Schulträger, der sehr viel in unsere Schule investiert, beispielsweise Beispiel in Neu- und Umbauten oder in die Computerausstattung, und so die Grundlage für eine gute pädagogische Arbeit schafft. Wir haben ein sehr gutes innovatives Kollegium, zufriedene Eltern und im Großen und Ganzen lernwillige Schülerinnen und Schüler. Wir werden zum kommenden Schuljahr einen Höchststand von knapp 550 Schülerinnen und Schüler haben. Das Kollegium wird auf 45 Personen anwachsen. Ich hoffe sehr, dass wir für das kommende Schuljahr genügend Lehrerinnen und Lehrer zugeteilt bekommen. Die Landespolitiker sollten endlich einmal in eine vernünftige Bildungspolitik investieren.

Was erwarten Sie denn mit Blick auf die Gemeinschaftsschule von den Landespolitikern?

Röckel: Was ich erwarte? Das ist eine gute Frage. Nun, sagen wir es so, ich möchte gerne ein paar Wünsche formulieren. Ich wünsche und erhoffe mir, dass die Landespolitik endlich das umsetzt, was mit der Einführung der Gemeinschaftsschule versprochen wurde: eine ausreichende Lehrerversorgung, eine angepasste Lehrerbesoldung für alle Kolleginnen und Kollegen an den Gemeinschaftsschulen und eine Wertschätzung für diese sehr wertvolle Aufgabe. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Erfolg der Gemeinschaftsschule vom Engagement des Lehrerkollegiums abhängig ist. Die Gemeinschaftsschule hat mit ihrem Profil am besten auf die Veränderungen in der Gesellschaft reagiert. Es ist einfach nicht förderlich, wenn eine neue Schulart eingeführt wird und während des Aufbaus die Regierungsparteien wechseln. Ein bisschen mehr Vertrauen und Wertschätzung und kein ideologisches Denken wäre sicherlich für alle Beteiligten am Schulleben von Vorteil – denn alle wollen nur das eine – eine Jugend, die leistungsbereit und motiviert die Gesellschaft mit ihren Talenten weiter nach vorne bringt. Bildung für unsere Jugend, das ist unser Kapital. Ich freue mich weiterhin sehr darüber, was wir in der Gemeinde Walddorfhäslach mit allen Beteiligten geschaffen haben. Mein Konrektor Norbert Fehrle und ich haben es damals schon so formuliert: Die Gemeinschaftsschule hier in Walddorfhäslach war für uns auf jeden Fall wie ein Sechser im Lotto. (GEA)